Info: Neues Piraten-Blog

Schon länger habe ich den Wunsch, hier etwas mehr zwischen Piratenthemen und anderen zu trennen. Und da ich jetzt Bundestagskandidatin bin, wurde es höchste Zeit für eigene eigene Piratenseite. Ihr findet künftig meine politischen Texte unter www.miriam-lakemann.de!

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Warum Heldinnen nie Leistungsträger werden

Das ist ein alter Blogtext von mir (08.02.2010), den Freitag.de leider entfernt hat, weil ich dort zu lange inaktiv war. Da ich ihn gern habe, hier die erneute Veröffentlichung.

Mein Beitrag zur Heldendiskussion auf Freitag.de, außerdem Gedanken zu Integration, Chancengleichheit und Grundeikommen und nicht zuletzt eine persönliche Liebesgeschichte an das wahre Leben

Konzentriert schauen die großen braunen Augen mich an, man sieht förmlich die gedankliche Anstrengung dahinter. Sie würde endlos weiterreden, wenn jemand zuhören würde. Das Interesse an ihren philosophischen Gedanken ist aber bei ihren Brüdern, Eltern, und den ganzen furchtbar kompliziert mit ihr verwandten Erwachsenen eher gering. Fragen über Fragen. „Was passiert, wenn überall Feuer ist?“ „In welchem Laden gibt es Wände für Häuser?“ „Was ist, wenn unter der Erde kein Platz mehr ist für Tote?“ Sie hat unglaubliche Entwicklungsschritte gemacht. „Als alle Menschen Babys waren, wo waren da die Mamas?“ Das war erst vor ein paar Monaten, jetzt ist das längst geklärt. Leider hat sie aber inzwischen auch einiges wieder vergessen: Neuerdings besteht sie darauf, dass nach der Drei die Sieben kommt, dabei waren wir nach einigem Training schon fehlerfrei bei zwölf. Das Zählen in einen Zusammenhang mit ihrem Alter zu bringen, liegt ihr immer noch fern, letzteres drückt sich schließlich in Fingern aus.

Ich denke darüber nach, wie unfassbar viel dieser kleine Mensch in den letzten Jahren geleistet hat. Wie sie sich mit zwei Jahren die meiste Zeit versteckte, viel weinte und kaum ein Wort sprach, völlig verloren zwischen den ganzen Großen. Wie sie mit fast vier anfing, mich gerne zu besuchen, sich aber nicht die Bohne für das von mir beschaffte Spielzeug interessierte. Statt dessen durchsuchte sie meine Schubladen und probierte meine hochhackigen Schuhe an. Als sie vier war, beschloss ich, dass es reichte und verbot ihr die Schubladen. In der folgenden Zeit langweilte sie sich meist bei mir, Bücher, Malsachen und Puzzles konnten sie nur bei der Stange halten, wenn ich neben ihr saß und sie ermutigte. Ein Jahr später sieht das völlig anders aus. Stundenlang sitzt sie auf dem Teppich und malt, klebt, philosophiert. Nur manchmal muss ich sie daran erinnern, dass ich gerne gefragt werde, bevor ihre Kunstwerke an meinen Schrank geklebt werden. Denn irgendwas haben diese Spielsachen, Geschenke und Bilder an sich, dass sie mein Zimmer nicht verlassen wollen. Ich habe es selber probiert, der Familie Spielzeug gebracht. Nach kürzester Zeit war es verschwunden, kaputt und entsorgt, von den Jungs in Besitz genommen oder zu gut aufgeräumt von Mama. Deshalb hat sie gelernt, wertvolle Dinge bei mir zu lassen.
Am meisten bewundere ich, dass sie unverdrossen weiter die Welt erkundet, obwohl sie so oft zurückgewiesen wird. Obwohl sie etwas an sich zu haben scheint, was ihre Mutter zum Schimpfen bringt, wenn sie etwas fragt. Obwohl sie auch von mir einiges einzustecken hat, etwa wenn sie beim Einkaufen sagt: Kauf mir das! (Die Lösung sah vor dem nächsten Einkaufen so aus: „Wir gehen da jetzt rein und wenn du was haben willst sagst du nicht ,Das musst du mir jetzt kaufen.´ sonst werde ich sauer!“ – „Ok. Und was soll ich dann sagen?“ -  „Dann sagst du ,Kannst du mir das bitte kaufen?´und wenn ich ,nein´sage, sagst du ,ok´.“ – „Ok.“) Und obwohl sie ein kleine Schwester hat, die von Beruf Prinzessin ist und durch Schreien alles bekommt, ohne je Widerspruch zu ernten.

Ich frage mich, welche Leistungen dieses kleine Wesen, das so stark ist, einmal für die Gesellschaft tragen wird. Ob ihr jemand erzählen wird, dass sie aufsteigen kann, wenn sie nur will. Ob sie an den Anforderungen dieser Gesellschaft zerbrechen wird. Haben die sogenannten Leistungsträger, die selbstverständlich davon ausgehen, ihre Position aus eigener Anstrengung erreicht zu haben, mal eine Sekunde über ihre Voraussetzungen nachgedacht? Ist es ein persönliches Versäumnis dieses Kindes, dass seine Eltern aus einer Minderheit stammen, die in ihrem Herkunftsland verfolgt wird? Dass ihre Eltern, traumatisiert nach dem Tod von eigenen Kindern die Flucht ergriffen und in einem Land landeten, in dem ihre Werte nichts zählen? Dass ihre Minderheit jahrhundertelang Schulen mied, um ihre kulturelle Identität zu bewahren und es ihnen auch deshalb schwer fällt, zu erkennen, dass ihre Kinder hier nur mit Schulbildung überleben können? Dass sie Eltern hat, die mit ihren Voraussetzungen hier auch Schwierigkeiten hätten, selbst wenn sie Deutsch könnten. Dass ihr Vater, in der Heimat ein angesehener Mann, mit Land und Arbeitskräften aber ohne Bildung hier nichts zählt. Dass er, über 50 und herzkrank, vom Arbeitsamt zum Computerkurs statt zum Deutschkurs geschickt wird. Dass es bei uns keine Grundsicherung für Kinder gibt und es deshalb für Eltern mit vielen Kindern und ohne Qualifikation kaum möglich ist, ihre Familie selber zu ernähren.

Und ich frage mich, ob deutsche Familien mit geringem Bildungsniveau, wenn sie plötzlich ihren Arbeitsplatz und ihr Umfeld verlieren würden, sich in einer völlig anderen Kultur auf einem anderen Kontinent vorbildlich integrieren würden. Ich frage mich, was das für ein Land ist, in dem man steigende Arbeitslosenzahlen auf steigende Faulheit zurückführt. Und in dem kein Platz mehr ist, für Menschen, die durch einfache Arbeit für sich und ihre Familie sorgen wollen.

Das erinnert mich an die Argumentation aus dem Film über das Grundeinkommen: Heute kann niemand mehr für sich selber sorgen. Jeder arbeitet für andere und nimmt die Arbeit anderer in Anspruch. Die Arbeit von einigen wird aber nicht mehr gebraucht und sie können deshalb auch kaum Leistungen in Anspruch nehmen. Im Film kam ein Vorschlag aus früheren Zeiten vor, jedem ein kleines Stück Land zur eigenen Versorgung zu geben. Die moderne Form wäre das Grundeinkommen. Das würde Eltern wie diesen eine große Last von den Schultern nehmen und dennoch würde es Kinder wie diese nicht dazu befähigen, sich im deutschen Schul- und Ausbildungssystem zu behaupten (was natürlich weniger relevant wäre, wenn sie nicht auf Arbeit angewiesen wären). Ganz vielleicht würde es auch mehr Nachbarn dazu bringen, so verrückte Dinge zu tun wie ich. Allerdings beschleicht mich der Verdacht, dass es nicht genügend wären, damit alle sich hier zu Hause fühlen können. Und mein Bauchgefühl findet, dass es auch mit Grundeinkommen, nicht richtig ist, wenn ein Teil der
Gesellschaft vermittelt bekommt, dass seine Arbeitskraft nicht gebraucht wird und befürchtet, dass die Zuverdienstmöglichkeiten immer noch erheblich von den persönlichen Voraussetzungen abhängen.

Bleiben also genug Fragen, nicht nur für fünfjährige Philosophinnen.

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Warum pinke Frauen-Werbung nicht funktioniert

Manche Studien vergleichen bestimmte kognitive Fähigkeiten von Männern und Frauen. Die Ergebnisse werden aber durch Studien infrage gestellt, die belegen, dass Menschen stark auf Zuschreibungen von außen reagieren. Frauen brachten z.B. in Tests, in denen sie vorher nach ihrem Geschlecht gefragt wurden, schlechtere Ergebnisse bei Fähigkeiten, die nicht als weiblich galten. Kurz: Wenn man sie nochmal an ihr Geschlecht erinnerte konnten sie schlechter rechnen als ohne diese Erinnerung. Funktioniert auch bei Männern mit anderen Merkmalen und Vorurteilen. Das ist nur eine rudimentäre Zusammenfassung, wissenschaftliches dazu gibt es u.a. hier: http://www.reducingstereotypethreat.org/.

Dieser Mechanismus wirkt vermutlich in vielen Zusammenhängen in ungünstiger Richtung, so möglicherweise auch die Kampagne, deren Video wundersamerweise nach ein paar Blogtexten (u.a. hier) aus dem Netz verschwand. Diese Kampagne der Europäischen Kommission soll Mädchen für Naturwissenschaften begeistern (Facebook-Seite ist noch da). Das verschwundene Video zeigt stylishe schöne junge Frauen in kürzen Kleidern und hochhackigen Schuhen, die in einem bunten, überwiegend pinken Umfeld tanzen, dazwischen werden ein paar Wissenschafts-Accessoirs eingeblendet. Als erster Kommentar ist dieses Bild ganz gut (via @fasel).

Jetzt aber zum Zusammenhang mit den oben genannten Studien. Stefan hat dazu was gefunden und auf Englisch zitiert und verbloggt. Ich musste das Ganze zweimal lesen, um zu verstehen, deshalb hier eine Kurzfassung auf Deutsch: Der Gedanke, jungen Mädchen weibliche Vorbilder zu zeigen, um sie für Mathe zu begeistern, ist naheliegend (Mathe ist in meiner Zusammenfassung nur ein Beispiel, ging allgemeiner um Naturwisschaften, Technik und Mathe). Die Studien zeigen aber, dass besonders weiblich dargestellte weibliche Mathe-Cracks sich eher negativ auf die Mathe-Begeisterung der Mädchen auswirken. Warum? Weil sehr feminin dargestellte Mathematikerinnen die Mädchen erstmal daran erinnern, dass sie selber eins sind: Mädchen/Frauen. Da wirken dann die Vorurteile, dass Frauen kein Mathe können. Also sind die Mädels anschließend noch überzeugter als vorher, dass das nix für sie ist.

Eine ziemlich krasse Erkenntnis, über die ich erstmal nachdenken musste. Aber sie passt zu meiner generellen Abneigung gegen rosa gefärbte Werbekampagnen, die Frauen für „Männerthemen“ wie Technik begeistern wollen.

Was müssen wir tun? Zum einen natürlich vor allem mit den Vorurteilen aufräumen. Das ist ein sehr komplexer Prozess, zu dem sehr viele Bereich gehören. Dazu gibt es ja auch schon sehr viel Material, will ich jetzt hier nicht vertiefen.

Zum anderen sollten wir auch überlegen, wie Mädchen denn tatsächlich für naturwissenschaftliche und technische Themen interessiert werden können. Dabei sollte eine Werbekampagne vielleicht einfach Menschen zeigen? Menschen, die keine Vorurteile und Stereotype hervorrufen und keine Superhelden sind, sondern einfach normal wirken. Und die die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand lenken, nämlich auf spannende Aspekte von Technik und Naturwissenschaft?

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How to minecraft gender

Wahrscheinlich ist es ein ganz natürlicher Reflex: Wenn man von einem Forschungsergebnis hört, versucht man, es am eigenen Leben zu überprüfen. Während das bei schwarzen Löchern vermutlich vielen schwer fällt, können beim Gender-Thema sofort alle mitreden: Die meisten betrachten sich schließlich entweder als Frau oder als Mann oder lehnen dies bewusst ab – haben also eine Meinung dazu. Bekannte Situation: Der Satz „Frauen tun/haben/sind eher soundso, Männer dagegen eher soso“, wird geäußert, erscheint auf dem Bildschirm oder wo auch immer. Reflex: Ich prüfe die Hypothese an meinem eigenen Umfeld. So weit, so gut. Kann ich gerne machen. Dabei fallen mir besonders jene Personen aus meinem näheren Umfeld auf, die nicht der getroffenen Aussage entsprechen.

Und jetzt wird es kompliziert: Jetzt darf ich nicht der Versuchung verfallen, das Ergebnis der Studie widerlegt zu glauben, weil ICH (oder meine Freundin oder Angela Merkel) nicht der DURCHSCHNITTSFRAU entsprechen. Denn, das mag dich vielleicht überraschen: die DURCHSCHNITTSFRAU gibt es vielleicht gar nicht! Aber die Studie hat ja genau rausgefunden, dass es trotz Angela Merkel, Friede Springer und Liz Mohn noch über 90% der richtig hohen Posten von Männern besetzt sind. Dabei sind die drei genannten Frauen schon eingerechnet! Wären sie das nicht, wäre das Ergebnis ja, dass 100% der oberen Führungsposten von Männern besetzt sind. Verstanden? Nochmal: Wenn eine Studie zeigt, dass Männer durchschnittlich größer sind als Frauen, beweist es nicht das Gegenteil, wenn ich eine besonders große Frau und zusätzlich sogar noch einen besonders kleinen Mann kenne. Schließlich wurde nicht behauptet, alle Männer wären größer als alle Frauen! Eigentlich klar, oder? Dann können wir jetzt zu komplizierteren Übungen kommen: Du liest eine Umfrage, die zum Ergebnis hat, dass mehr als die Hälfte aller weiblichen Piratenmitglieder schon Sexismus erlebt haben. Du überlegst und dir fällt kein Beispiel ein. Wie reagierst du?

a) „Das stimmt nicht, ich habe das noch nicht erlebt!“

b) „Oh, das scheint ein ernsthaftes Problem zu sein, auch wenn es mir noch nicht aufgefallen ist! Über die Hälfte sind ganz schön viele, keine Einzelfälle! Gleich mal mit anderen darüber reden, worin das Problem genau besteht und was wir tun können!“

Auch klar?

Wer bis hierhin gelesen hat, ist vermutlich zu dem Erkenntnis gekommen, dass ich ein großer Fan von wissenschaftlichen Studien bin. Das stimmt nur zum Teil. Ich halte sozialwissenschaftliche Forschung für sinnvoll, um Probleme wie Diskriminierung etc. zu erkennen und besser zu verstehen. Ich halte aber solche (wissenschaftlich oft fragwürdigen) Studien für überflüssig und schädlich, die versuchen, aus scheinbar biologischen Tatsachen einfache Erklärungsansätze für soziale Probleme anzubieten. Argumentationsmuster, die sich unsicherer evolutionsbiologischer Behauptungen bedienen, um Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu erklären. Männer wären aufgrund von ihrer Jäger-Vergangenheit aggressiver, schneller, wasauchimmer. Frauen läge das ruhige Heim-Behüten im Blut, sie wären sanftmütig, kommunikativ, fürsorglich. Selbst wenn diese Erkenntnisse so sicher wären, wie uns Massen von populärwissenschaftlichen Autoren glauben machen wollen: Was hieße das dann für uns? Gar nichts! Erstens greift hier wieder das Durschnitts-Ding siehe oben. Und zweitens und noch wichtiger: Die Evolution geht weiter! Wir leben nicht mehr in Höhlen! Wir Piraten setzen uns für ein freiheitliches Menschenbild ein. Wir glauben daran, dass Gesellschaft gestaltet werden kann. Wir wissen – und das ist mal eine sichere Erkenntnis – dass nicht alle Menschen mit eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden. Und dass sich nicht alle Menschen mit ihrem angeborenen Geschlecht wohl fühlen. Wir kämpfen dafür, dass alle so leben können, wie sie möchten, ohne gesellschaftliche Rollenerwartungen aufgrund des Geschlechts! Dass man also weder Frau noch Mann sein muss! Und dass man ganz anders Frau, Mann, Eichhörnchen oder Tintenfisch sein kann, als jemals jemand anders zuvor!

Wenn wir aber, bezogen auf angeblich angeborene Merkmale sagen, „Männer sind eben so“ und „Frauen sind eben anders“ und darauf Ideen für politische Entscheidungen aufbauen, kann das nur schief gehen. Denn damit pressen wir Leute in die Schablonen, von denen wir sie eigentlich befreien wollen.

Stattdessen sollten wir sehr genau hinschauen, welche Macht Geschlechterrollen immer noch in unserer Gesellschaft haben und wie wir sie aufbrechen können. Dazu brauchen wir harte Zahlen, z.B. über Gehaltsunterschiede, Frauen in Führungspositionen usw. Aber auch Untersuchungen, wie die Kegelklub-Umfrage, die herausfinden, wie Menschen Geschlechterrollen in gesellschaftlichen Kontexten wahrnehmen. Erst mit diesem Wissen können wir gestalten.

Stellt dir einfach vor, du spielst Minecraft (falls du es nicht kennst: Das ist sowas wie am PC Bauklötze spielen, nur dass man erstmal alte Dinge abreißen muss, um neue bauen zu können). Und die Geschlechterrollen sind einfach an furchtbar vielen Stellen im Weg, die für das Bauwerk deines Lebens zentral sind! Sie zu beseitigen erfordert manchmal großes Geschick, spezielles Know How und Spezialwerkzeuge. Das musst du erstmal einsammeln und dann macht dich mit deinem Team an die Arbeit!

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Liebe Frau Käßmann!

Liebe Frau Käßmann,

ich bin ein großer Fan von Ihnen! Als mit Ihnen nicht nur eine Frau sondern die meines Erachtens am besten geeignete Person Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche wurde, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe Sie bei mehreren Kirchentagen predigen hören und war zuletzt beim Ökumenischen Kirchentag in München sehr begeistert.

Eine Nebenbemerkung: Auch wenn ich Ihren Rücktritt sehr bedauert habe, habe ich mich doch darüber gefreut, dass sie dadurch das System „getrollt“ haben. Wie sie es den ganzen – verzeihen Sie den Ausdruck – alten Säcken gezeigt haben, die an ihren Sesseln kleben, egal was passiert ist. Einige Herren, die seitdem zurückgetreten wurden, hätten sich ein Beispiel nehmen sollen. Aber das nur am Rande.

Ich habe das Interview mit Ihnen auf n-tv.de vom 18. Mai 2012 gelesen. Darin sagen Sie, dass sie gerne mehr über die Inhalte und die Linie der Piraten wissen möchten. Darüber freue ich mich sehr. Als aktives Mitglied der Piratenpartei möchte ich Ihnen gerne helfen, sich einen Eindruck zu verschaffen.

Zunächst können Sie zum Kennenlernen unserer Inhalte natürlich unser Parteiprogramm lesen, das entgegen anders lautenden Gerüchten relativ umfangreich ist: https://www.piratenpartei.de/politik/wahl-und-grundsatzprogramme/. Viel wichtiger aber, wie dieses Parteiprogramm zustande kommt und wie die Arbeit insgesamt funktioniert. Zwei kurze Aspekte dazu:

  1. Offenes Denken: Wir gehen gesellschaftliche Probleme ganz offen an und diskutieren sie nochmal von vorne. Denn wir glauben, dass es eine Menge neue Probleme, aber auch eine Menge neuer Lösungsmöglichkeiten gibt, für die die alten Antworten nicht mehr passen. Die alten Gesetze passen z.B. nicht zu neuen Familienformen und zu neuen technischen Möglichkeiten, um nur zwei Beispiele zu nennen. Und wir sind der Meinung, dass Lösungen nicht von ein paar wenigen dazu bestimmten Personen hinter verschlossenen Türen gefunden werden sollten. Sondern gemeinsam von allen, die sich von einem Problem betroffen fühlen oder einfach mithelfen wollen, unsere Gesellschaft zu verbessern. Als ersten Versuch setzen wir die Software Liquid Feedback ein. Alle Parteimitglieder können dort gemeinsam an Anträgen arbeiten, bevor diese zur Abstimmung gelangen.
  2. Basisdemokratie: Bei uns gibt es keine Delegierten. Alle (die wollen) entscheiden über die politischen Positionen und wählen den Vorstand. Das erscheint uns selbstverständlich und plötzlich merken wir, was bei den etablierten Parteien so alles im Argen liegt. Die Medien werten es als Rücktritt, wenn jemand nicht erneut für ein Vorstandsamt kandidiert. In anderen Parteien wollen Menschen nur für den Vorstand kandidieren, wenn es keine Gegenkandidaten gibt. Das widerspricht unseren Vorstellungen von demokratischen Prozessen.

Zum weiteren Kennenlernen der Piratenpartei empfehle ich Ihnen die folgenden beiden Texte:

Ganz besonders würde ich mich aber freuen, wenn Sie bereit zu einem Gespräch mit einigen Piraten wären, damit Sie sich einen persönlichen Eindruck verschaffen können und wir auf Ihre konkreten Fragen eingehen können.

Mit freundlichen Grüßen

Miriam Lakemann

 

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Eine Grundsicherung für Kinder

Es folgt ein Antrag, den ich schon zu einem BPT eingereicht habe und weiter verfolgen möchte. Damit der Text weiter diskutiert werden kann, kriegt er hier einen neuen Platz.

Antragstext

  1. Die Piratenpartei setzt sich auf Bundesebene dafür ein, dass eine Grundsicherung für alle Kinder – auch Flüchtlingskinder – mindestens entsprechend der Forderung des “Bündnis Kindergrundsicherung“ eingeführt wird.
  2. Diese soll bisherige Kindergeldregelungen ersetzen und unabhängig vom Elterneinkommen ausgezahlt werden. Um sie sozial gerecht auszugestalten, soll sie mit dem Grenzsteuersatz des bisherigen elterlichen Einkommensohne Kindergrundsicherung versteuert werden.
  3. Einen Anspruch auf diese Grundsicherung sollen alle Kinder und Jugendlichen bis zum Alter von 18 Jahrensowie in der Ausbildung befindliche Erwachsene bis zum Alter von 25 Jahren haben.

Begründung

  1. Kinder können kein eigenes Einkommen generieren. Sie sind dadurch vollkommen abhängig von den wirtschaftlichen Verhältnissen ihrer Eltern. Kinder stellen für Eltern ein erhebliches finanzielles Risiko dar. Menschen, die im Niedriglohnbereich tätig sind sowie alleinerziehende Elternteile müssen häufig „ergänzende Lei-stungen zur Sicherung des Lebensunterhalts“ („Hartz IV“) in Anspruch nehmen. Arbeitslose Eltern mit geringer Qualifikation und mehreren Kindern haben kaum Möglichkeiten, Beschäftigungen zu finden, bei denen siemehr verdienen als Hartz IV.
  2. Gäbe es eine Grundsicherung für Kinder, wären Eltern auf dem Arbeitsmarkt Menschen ohne Kindern finanziell gleichgestellt.
  3. Eine Grundsicherung für Kinder könnte also bei vielen Eltern dazu führen, dass sie nicht mehr als Aufstocker zum Jobcenter müssen oder dass sie überhaupt erst eine Beschäftigung aufnehmen können. Diese Maßnahmewürde einen deutlichen Bürokratieabbau mit sich bringen (Kindergeld, Hartz IV).
  4. Wichtiger ist aber die Bedeutung für die betroffenen Familien. Sie müssen sich nicht mehr der behördlichen Schikane aussetzen, haben das Gefühl, selbständig leben zu können und müssen nicht mehr unter Arbeitslosigkeit leiden. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Arbeitslosigkeit von Eltern massive negative Auswirkungen auf deren Kinder hat. Die Möglichkeit (nicht der Zwang!) zu arbeiten wirkt sich also auf die Entwicklungder Kinder der Betroffenen positiv aus.
  5. Die Zukunft der Gesellschaft hängt davon ab, dass Kinder geboren werden und gute Entwicklungschancen und Bildung erhalten. Einen Großteil der Last tragen die Eltern: Das finanzielle Risiko und den erheblichen zeitlichen Aufwand sowie die massiven Einschränkungen der persönlichen Freiheit. Da die gesamte Gesellschaftvon den Kindern profitiert (Rente, Pflege etc.), ist es angemessen, alle zumindest an der Grundsicherung für die Kinder zu beteiligen.
  6. Bisher werden Flüchtlingskinder durch das Asylbewerbergesetz benachteiligt und bekommen noch weniger Geld als Kinder von HartzIV-Empfängern. Das widerspricht der UN-Kinderrechtskonvention 333PA229.
  7. Eine Grundsicherung für Kinder steht nicht einem Einsatz gegen die Ungerechtigkeit von Hartz IV und füreine generelle Umsetzung der Forderung nach einer sicheren Existenz entgegen. Im Gegenteil ist sie ein erster Schritt auf dem Weg zur Umsetzung des Rechts auf gesellschftliche Teilhabe, da man sich in diesem Bereichmit anderen Akteuren zusammentun kann und diese Forderung zunächst leichter durchsetzbar sein dürfte, als Forderungen zur sicheren Existenz für alle Menschen.
  8. Neben der individuellen Grundsicherung muss selbstverständlich auch die Infrastruktur für Kinder, z.B. gesellschaftlich finanzierte Bildungs- und Freizeitangebote verbessert werden. Geld- und Sachleistungen sollten aber nicht gegeneinander ausgespielt werden, denn Kinder brauchen beides: Wohnung, Essen, Kleidung UND Schule, Freunde und Spiel.

Update, 18.06.2012: Ich werde in der Antragsbegründung noch auf das Bündnis Kindergrundsicherung verweisen, danke für den Hinweis, @korbinian! Link: http://www.kinderarmut-hat-folgen.de/konzept.php
Note to self: Mehr auf Kinderarmut eingehen!

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Krippe und Betreuungsgeld

Auf den ersten Blick mag es plausibel erscheinen, Eltern, die zu Hause ihr Kind betreuen, dafür zu „bezahlen“. Schließlich wird zu Recht von vielen Seiten bemerkt, dass Familienarbeit (auch finanziell) zu wenig honoriert wird und Frauen deshalb u.a. oft wenig Rente bekommen. Aber das Betreuungsgeld ist keine sinnvolle Maßnahme zur Unterstützung von Familien. Um das zu begründen, möchte ich etwas ausholen.

Zunächst sollte die Entwicklung von Kindern natürlich im Blick stehen. In meinem Studium habe ich mich im Fach Psychologie und meiner Diplomarbeit schwerpunktmäßig auf frühkindliche Bindung konzentriert (Hier mehr darüber). Bei der Auswertung von Studien zur Krippenerziehung kamen wir im Seminar zu dem Ergebnis, dass Krippenerziehung Kindern einen Nutzen bringen kann. Dafür gibt es zwei wichtige Voraussetzungen: Die Qualität der Krippe (bes. Betreuungsschlüssel) und die Betreuungszeit. Eine tägliche Betreuungszeit von bis zu 5 Stunden in einer guten Krippe ist demnach für die meisten Kinder eine Bereicherung. Eine Mutter sagte mal zu mir: Sie sei froh darüber, dass ihr Kind bis mittags so viel Spaß gehabt habe, denn sie würde bestimmt nicht so viel Action mit Fingerfarben, Singen, andere Kinder treffen usw. veranstalten wollen. Der Nachteil: Der Verdienst ihres Halbtagsjobs (als Akademikerin) geht fast ganz für die Betreuung ihrer beiden Kinder in Krippe und Kita drauf.

In meinem Job arbeite ich mit Müttern und Kindern. Die meisten Babys werden mit ca. 6 Monaten in der Krippe eingewöhnt und bleiben täglich 3 Stunden. Sie genießen es. Sie genießen die Aufmerksamkeit ihrer Bezugsbetreuerin und der älteren Kinder (als einziges Baby, da jede Gruppe nur einen Säugling aufnimmt). Sie profitieren von der kompetenten Förderung. Besonders wenn ihre Mutter ihnen wenige Anregungen bietet oder keine zuverlässige Bindungsperson ist, kann beides von unschätzbarem Wert sein für die frühe Entwicklung des Kindes. Drei Stunden in einer anderen vertrauten Umgebung mit anderen vertrauten Personen schaden einem Kind in der Regel nicht. Um eine gute Bindung aufzubauen, müssen die Kinder nicht permanent bei der Mutter/dem Vater sein. Die Qualität der Zeit mit dem Kind ist ausschlaggebend, z.B. dass die Eltern auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen und zuverlässig sind. Sind die Eltern keine guten Bindungspersonen, können andere Bezugspersonen dies zum Teil ausgleichen. Solche Eltern würden kein Betreuungsgeld bekommen, wenn sie ihren Kindern diese wichtigen Erfahrungen ermöglichen. Eine Krippe ist also kein „Aufbewahrungsort“ für Säuglinge und Kleinkinder sondern ein wichtiger Bildungsort, gerade, aber nicht nur für benachteiligte Kinder.

Wenn ich ein Kind hätte, würde ich mich vermutlich etwa ab einem Jahr auch für die Möglichkeit der Krippe entscheiden. Eine Betreuungszeit von bis zu 10 Stunden, die durchaus üblich ist, halte ich dagegen für problematisch, insbesondere wenn das Kind noch keine zwei Jahre alt ist. Nach meiner Beobachtung leiden diese Kinder. Sie sehen ihre Eltern nur morgens und abends kurz im Stress.

Der Haken an der Sache: Eine Krippenbetreuung von 3-5 Stunden täglich reicht nur für wenige Jobs, insbesondere wenn man durchschnittliche Verkehrswege zum Bringen und Abholen berücksichtigt. Für die Berufstätigkeit der Eltern bedeutet das, dass entweder eine Person höchstens mit viel Glück einen Halbtagsjob machen kann oder beide reduzieren müssen.

Auch wenn ich eine Krippenerziehung von wenigen Stunden zur Unterstützung der kindlichen Entwicklung befürworte, möchte ich das niemandem vorschreiben. Familien und Kinder sind unterschiedlich. Es kann viele Konstellationen geben, in denen Kinder sich sehr gut zu Hause entwickeln.

Das Betreuungsgeld berücksichtigt die oben genannten Umstände nicht. Für einige Kinder kann es zu Hause perfekt sein, für andere könnte eine Krippe eine große Unterstützung sein. Allerdings ist es unstrittig, dass Kinder in Armut oft vielfältige Entwicklungsnachteile haben und besonders von der Krippe profitieren. Und der Verdacht liegt nahe, dass gerade für Eltern mit geringem Einkommen die 150,-€ einen Entscheidungsanreiz darstellen. Eine finanzielle Förderung, die an die Nicht-Inanspruchnahme von Krippe/Kita gebunden ist, halte ich deshalb für gefährlich für benachteiligte Kinder.

Dagegen gibt es eine ganze Reihe sinnvoller Forderungen zur Förderung von Familien, z.B.:

  • Ein Mindestlohn, damit Eltern nicht wegen ihrer Kinder zu HartzIV-Empfängern („Aufstockern“) werden.
  • Ausreichend Krippenplätze, die kostenlos sein sollten (in München kostet ein Krippenplatz ca. 500€/Monat)
  • sowie einen Rechtsanspruch auf Krippenplatz unabhängig von der Berufstätigkeit der Eltern.

Was würde darüber hinaus die Wahlfreiheit von Eltern erhöhen, ob sie nach dem Ende des Elterngeldanspruchs (12-14 Monate) länger zu Hause bleiben wollen? Natürlich eine längere Zahlung des Elterngeldes. Sein Vorgänger, das Erziehungsgeld war lohnunabhängig (für viele also niedriger) und wurde 2 Jahre gezahlt. Vielleicht könnte man einen Kompromiss finden. Wichtig ist, dass eine Teilzeiterwerbstätigkeit erlaubt ist und natürlich auch die Betreuung des Kindes in einer Einrichtung.

Zusätzlich wäre zu überlegen, wie Eltern unterstützt werden können, ihren Kinder gute Bedingungen zu bieten. Was wäre denn, wenn Eltern ein paar Stunden reduzieren könnten und den Verdienstausfall ersetzt bekämen, damit ihr Kind nicht zu lange in der Kita bleiben muss? Nur mal so rumgesponnen.

Update, 21.04.2012
Da das in dem Artikel noch nicht so deutlich rauskam, möchte ich nochmal auf den Punkt Wahlfreiheit und geringes Einkommen eingehen: Es ist grausam, Eltern mit Niedriglohn vor die Wahl zu stellen, ob sie etwas mehr Geld oder Bildung für ihre Kinder wollen. Wenn der Lohn kaum zum Leben reicht, ist es verständlich, wenn das Geld gewählt wird. Diese Eltern dann als bildungsfeindlich hinzustellen, hilft nicht weiter. Vielmehr muss, wie oben beschrieben, generell etwas für die sichere Existenz getan werden, um Wahlfreiheit zu gewährleisten.

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Die Facepalmisierung des Internets. Ein Rant.

Ich weiß nicht genau, wann es anfing, aber in diesem meinem Internetz hat sich was verändert. Erst schleichend, dann immer stärker. Zum ersten Mal bemerkte ich etwas, als ich folgende Geste – es war in einem Tweet von @korbinian – erstmals auf Twitter erblickte: m( Inzwischen wird, so kommt es mir vor, massenhaft gefacepalmt, gerantet und der Kopf auf die Tischplatte gedonnert. Vielleicht haben die folgenden Gehirnerschütterungen zu bleibenden Schäden geführt. Menschen, deren politische Meinung ich nach wie vor hoch schätze und die ich einst für besonnen hielt, zeigen nämlich kollektiv ein befremdliches Verhalten: Die Empörung, die sich früher gegen den politischen Gegner und die GEMA richtete, richtet sich plötzlich gegen die eigene Gruppe, sogar gegen ehemals gute Freunde. Da wird bei der kleinsten Abweichung von der eigenen Meinung gnadenlos beschimpft und entfolgt. Wohlgemerkt entsetzt mich dieses Verhalten, da es massenhaft bei Menschen auftritt, die ich für darüber weit erhaben hielt. Toleranz und Meinungsvielfalt sind scheinbar nur noch theoretisch hohe Werte. Interesse an anderen Meinungen und kontoverser Diskussion kaum noch vorhanden.

Woher kommt das? Wo sind euer Humor und eure Diskussionsfreude? Warum muss ich täglich auf Twitter lesen “Wer noch einmal Wort xy schreibt, wird entfolgt”? Wozu die ganzen abwertenden Vokabeln, warum andere lächerlich machen, anstatt einfach mit ihnen zu reden? Wie wäre es denn, der betreffenden Person, die etwas so unsägliches gebloggt/getwittert/gesagt hat, einfach mal in Ruhe zu erklären, was mir nicht passt? Anstatt sie durch einen abwertenden Tweet zu verhöhnen?

Warum war mein Internetz früher kuscheliger? Damals, als ich entdeckte, dass ich hier Gleichgesinnte finden und gemeinsam auf die anderen schimpfen und an einer besseren Zukunft arbeiten kann? Ich befürchte, einige haben es zu weit getrieben, mit dem kuschelig einrichten: Wenn ich nämlich alle rausschmeiße, die nicht ganz auf meiner Linie sind, dann gibt es keine mehr, an denen ich mich reiben und weiterentwickeln kann. Und auch die Partei und die Gesellschaft entwickeln sich nicht weiter, wenn es viele kleine Subkulturen gibt, die streng voneinander getrennt sind und nicht miteinander reden sondern nur aufeinander eindreschen.

Ein kleiner Exkurs: Ich bin Sozialarbeiterin. Ich arbeite mit Menschen, die viele Fehler gemacht haben und viele ungünstige Dinge gelernt und verinnerlicht haben. Wenn ich die beim ersten Fehler vor die Tür setzen würde, wäre ich schnell arbeitslos. Ich muss ihnen immer wieder die Chance zur Auseinandersetzung geben, Verhalten spiegeln, Reflexion ermöglichen. Natürlich gibt es auch Grenzen und manchmal ist eine weitere Zusammenarbeit nicht möglich. Aber bei den allermeisten braucht es viele Gespräche, ich muss sie sehen, ernst nehmen, zuhören, damit sie auch mir zuhören und mich ernst nehmen und dadurch dazulernen. Nichts anderes ist doch eine gute Diskussion, ob im Internet oder RL. Ich teste eine Position und sehe, wie Menschen darauf reagieren. Ihre Reaktionen bringen mich zum Nachdenken, sofern sie respektvoll sind. Sind sie abwertend, verletzen sie mich oder sind mir gleichgültig. Sie bringen mich jedenfalls nicht dazu, meine Meinung zu überdenken und weiter auszuarbeiten. Dafür brauche ich Menschen, die nachfragen, zu verstehen versuchen und meine Äußerungen sachlich und respektvoll auseinandernehmen.

Das Phänomen der vollkommenen Abwertung erinnert mich an die Leute, die Texte nicht zu Ende lesen, weil sie Gender Gap oder Binnen-I enthalten. Ganz ehrlich: Es gibt eine ganze Menge Verbrechen im Schreibstil von Menschen, die die Lesefreude erheblich stärker schmälern, als diese Lösungsversuche für ein kompliziertes Sprachproblem. Trotzdem lese ich weiter, wenn mich ein Thema interessiert und gestehe dem Autor seine Eigenheiten zu. Es ist absolut albern, deshalb Texte abzulehnen. Ich verlasse doch auch nicht den Raum, weil ein Redner zu laut/leise/schnell/langsam redet oder zu viele Adjektive verwendet! Genauso wenig wie ich jemanden entfolge, weil er eine andere abweichende Meinung hat. Klar entfolge ich Menschen, die mich zu sehr nerven. Aber grundsätzlich interessiert mich, welche Meinungen und Diskussionen es in meiner Partei und darüber hinaus so gibt. Manchmal hat da jemand ganz schön unrecht und dann will ich doch, dass die Person versteht, warum ich das meine! Wenn ich dann erstmal den Namen zusammen mit einem m( getwittert habe, wird sie mir bestimmt zuhören! Nicht. Facepalms kann ich mir immer noch für die Leute aufheben, die mir tatsächlich ganz bestimmt nicht zuhören, z.B. die Regierung und die GEMA.

PS: Die Erwähnung von @korbinian bedeutet nicht, dass ich ihn in Zusammenhang mit dem beschriebenen Phänomen bringen möchte.

 

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Ahoi und Servus!

Merkel hat offenbar Wulff zum Amtsantritt etwas von ihrem Superglue geschenkt, mit dem sie immer ihre Hände beim Reden fixiert. Die Mundwinkel kann ich leider nicht so gut nachmachen. Sicher wollte sie mit dem Kleber vorbeugen, damit sich ihr neuer Präsident nicht so leicht vom ersten Windhauch aus dem Amt fegen lässt wie der letzte. Hätte ja fast geklappt, wenn nicht  Günther Jauch seine Sendung in einen Wulff-Report umbenannt hätte. Auch wenn Merkel offenbar etwas von dem Sinn des Amtes nicht verstanden hat. Oder einfach umdefiniert, so wie sie die Ausrichtung der CDU auch einfach umdefiniert hat. Die eigenen Mitglieder kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Am schnellsten kam die Kehrtwende beim Atomausstieg. Fliegt in Japan ein AKW in die Luft, und schon hat sie begriffen, das Atomkraft gefährlich sein könnte und ändert mal eben den Kurs. Jetzt frage ich mich, was in die Luft fliegen muss, damit sie merkt, dass Hartz IV unsozial ist, dass die Arbeitslosenstatistiken gefälscht sind, dass Überwachung keine Sicherheit bringt, dass sie gerade Banken unsere Steuergelder in den Rachen wirft und dass Bildung nachhaltige Wirtschaftsförderung ist?

So sehr ich mich auch anstrenge, mir fällt nichts ein, was dadurch verbessert werden kann, dass wir es sprengen. Wenn in einem anderen Land eine Schule in die Luft fliegt, fällt ihr dann auf, dass unsere Bildungspolitik nichts taugt? Muss ein Elendsviertel auf einem anderen Kontinent in Rauch aufgehen, damit sie merkt, dass Menschen in Deutschland verarmen? Vielleicht könnten auf einer internationalen Wirtschaftskonferenz die Fetzen fliegen, damit sie feststellt, dass unser Finanzsystem von korrupten alten Säcken ruiniert wird? Nein, praktischer Nachhilfeunterricht für die Frau Physikerin in Sachen Explosionen erscheint mir doch etwas zu makaber. Aber wir Piraten wissen ja: Nachhaltige Politik ist Bildungspolitik. Also fordere ich: Bessere Bildung für Politiker! Wie wärs denn, wenn Frau Merkel und die Damen und Herren Minister mal an einer dieser wunderbaren Fortbildungen vom Arbeitsamt teilnehmen würden, die ihnen so eine hervorragende Arbeitslosenstatistik bescheren? Ein Gabelstaplerführerschein würde ihre Persönlichkeitsbildung sicher bereichern. Ganz zu schweigen von den Lernerfolgen in Sachen Armut, Überwachung, Erniedrigung und Langeweile. Beim Haushalten mit HartzIV würden sie sicherlich die notwendige Finanzkompetenz zur Regulierung der Banken gewinnen. Wenn man sich selber überlegen muss, woher man das Geld fürs Bobby Car zum Kindergeburtstag kriegt, kommt die nämlich von ganz alleine.  Und wenn sie das sagenhafte Glück haben sollten, nach der Fortbildung in einen Niedriglohn-Hilfsarbeiter-Job vermittelt zu werden, der sie zu Aufstockern macht: Vielleicht fragen sie sich dann, warum der Staat für sie bezahlen muss, obwohl sie voll arbeiten und ihr Arbeitgeber satte Gewinnen einfährt. Ach nein, sie wissen ja, dass das an dem Kanzler-Schröder-Erfolgsrezept für die Deutsche Wirtschaft liegt, das sie fleißig weiter fördern. Wie sagte kürzlich Dirk Rossmann: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch den Menschen gut. Sie werden sich also nicht beklagen, sondern zufrieden mit ihrem Niedriglohn-Aufstocker-Dasein in Demut leben. Und weiter auf die Vollbeschäftigung warten. Denn sie leben in einer exponentiellen Welt. Mehr technischer Fortschritt verringert zwar die notwendige Arbeit, aber das ist egal. Wir produzieren einfach mehr, bis wir alle drei Autos, fünf Fernseher und zehn Smartphones haben, nur damit alle voll arbeiten können? Nee, das wäre ja Planwirtschaft! Wir arbeiten alle weniger und genießen die restliche Zeit das Leben oder engagieren uns für die Gesellschaft? Nee, von unserem Burnout können wir uns wirklich nicht trennen. Wir denken über ein Grundeinkommen nach? Nee, das wäre ja eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Problemen der Zeit. Wir vertrösten die Menschen also auf später, wo es wieder Vollbeschäftigung und satte Löhne geben wird. Wachstum als immerwährendes Erfolgsrezept einer rückwärtsgewandten Politikergeneration. Frau Von der Leyen legt sich ja auch mächtig ins Zeug für höhere Löhne, durch einen ganz raffinierten Schachzug, indem sie nämlich – haltet euch fest – die Wirtschaft dazu auffordert, höhere Löhne zu zahlen! Da werden sich die Arbeitgeber sicherlich denken, wenn die Bundesarbeitsministerin schon so lieb darum bittet, erhöhen wir die Löhne doch gleich mal ordentlich! Solange sie keine ernsthaften Mindestlöhne auf den Weg bringt, ist ja nichts zu befürchten. Ja, liebe Frau Von der Leyen, sich hinstellen und populäre Forderungen scheinbar engagiert vertreten können Sie schon fast so gut wie unsere Kanzlerin. Ich betone: fast. Aber ich schweife ab, wir waren ja dabei, uns vorzustellen, unsere lieben Politiker hätten die Chance, ihre Großzügigkeit am eigenen Leib zu erfahren. Durch die neu erworbene Demut, bemerken sie vielleicht, dass nicht nur laut schreiende männliche alte Säcke gute Argumente haben. Sie könnten sich für Bürgerbeteiligung und Basisdemokratie begeistern und so eine gute Diskussionskultur entwickeln, wie… hüstel die Piratenpartei zum Beispiel. Auch die Opposition könnte gleich mitmachen und zur Abwechslung mal Schritte in die richtige Richtung loben, anstatt sofort lauthals zu schreien, das ginge doch alles nicht weit genug? Das würde vielleicht auch mehr kluge Leute motivieren, konstruktiv bei diesem „Politik“ mitzumachen.Aber ich sollte nicht so viel träumen, zurück zur Realität. Die Bildungslücken bei den Regierungsparteien – CDU und CSU – sind doch sicher auch schon der Opposition aufgefallen und diese ist ganz bestimmt dabei, alles dagegen zu tun! Richtig:  Gabriel will „die soziale Spaltung überwinden“ und die Grünen fordern eine Neuberechnung der HartzIV-Sätze. Aber Moment, wer hat nochmal HartzIV eingeführt? Rot-Grün? Nein, war doch alles nicht so gemeint, die Union und eine unbedeutende  Kleinpartei haben alles kaputt gemacht! Wir haben damit nichts zu tun, einself! Die letzte Hartz-Reform ist zwar noch zu Schröder-Zeiten in Kraft getreten, aber das kann man ja schonmal vergessen… Nein, kann man nicht! Diese vollkommene Amnesie der früheren Regierungsparteien sollte uns Sorgen machen. Handelt es sich um eine ansteckende Krankheit? Oder liegt es an der Struktur des Regierungshandelns, wird jede Regierung von diesem Phänomen ergriffen? Ich schlage den Einsatz eines Untersuchungsausschusses vor. Denn wenn unsere Volksvertreter wegen einer Krankheit nicht die Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen können – wie sollen sie dann Manager und Banker dazu verpflichten? Und wie soll das erst die einzelne HartzIV-Bedarfsgemeinschaft verstehen, die ihre persönlichen Verhältnisse vollkommen offenlegen muss? Fragen über Fragen. Früher war das natürlich alles besser. Vor wenigen Jahrzehnten hat es nur so gewimmelt von ehrenhaften Persönlichkeiten in der Politik! Mitreißende Reden haben die geschwungen und noch wahre Werte vertreten! Sie haben wohl nur einen kollektiven Aussetzer gehabt, als sie einen mäßig geeigneten Salzstock – zufällig in dünn besiedeltem Niemandsland in Niedersachsen und nahe der Zonengrenze zum vielversprechenden Atommüllendlager auserkoren. Dass er nach wissenschaftlicher Prüfung gar nicht in die engere Auswahl kam, wurde still unter den Teppich gekehrt. Eventuell geeignetere Standorte vielleicht sogar in südlichen Bundesländern wurden gar nicht erst weiter erforscht. Ein ausgezeichnetes Beispiel für sachorientierte Entscheidungsfindung! So wie Frau Merkels Atom-Erleuchtung! Prost!

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Liebe EMMA!

Liebe Frau Kämper, liebe EMMA-Redaktion,

danke, dass Sie über die Piraten berichtet haben! Das Thema Piratenpartei und Frauen ist lohnend und verdient eine differenzierte öffentliche Diskussion. Bisher ist darüber leider viel Falsches geschrieben worden und das eigentlich Berichtenswerte fiel dabei unter den Tisch. Insbesondere wurden bisher kaum Piratinnen interviewt. Leider bildet Ihr Artikel aber hier keine Ausnahme. Im Gegenteil – ich weiß gar nicht ob ich mich mehr über das Geschimpfe über unsere Männer oder über Totschweigen von uns Frauen ärgern soll. Zu den sachlichen Fehlern im Text hat ein anderer Pirat bereits in seinem Blog Stellung bezogen, dem kann ich mich nur anschließen. Ich habe aber noch einiges hinzuzufügen.

Zunächst möchte ich voranstellen, dass ich seit eineinhalb Jahren Parteimitglied bin, auf drei Bundesparteitagen, zahlreichen Stammtischen, Parteiveranstaltungen und Partys war und über 2000 Personen auf Twitter folge – ein erheblicher Anteil davon dürften Piraten sein. Ich glaube also, dass ich mitbekommen haben müsste, wenn die Piratenpartei ein frauenfeindlicher Haufen wäre.

Eine Äußerung wie die des von Ihnen zitierten anonymen „Piraten-Fans“ ist mir noch nicht untergekommen. Der Artikel suggeriert aber, es würde sich um die heimliche Mehrheitsmeinung der Männer in der Partei handeln. Wenn dem so ist, verbergen sie es äußerst geschickt. Die allermeisten bei den Piraten aktiven Frauen fühlen sich nämlich willkommen und arbeiten gerne mit.

Natürlich gibt es zu wenige Frauen bei den Piraten. Und natürlich stört das viele. Deshalb diskutieren wir viel über das Thema und fragen uns, warum Frauen weniger Politik machen als Männer. Vielleicht stimmt ja mit der Politik was nicht? Schließen wir unbewusst Menschen   (vielleicht nicht nur Frauen?) aus? Zahlreiche Blogeinträge, Twitter- und Mumble-Diskussionen sind zu dem Thema entstanden (Mumble ist sowas ähnliches wie Skype. Größere Gruppen können da telefonieren). Die Blogeinträge wären eine gute Lektüre bei der Recherche für Ihren Artikel gewesen! Natürlich gibt es auch Mitglieder, die diese Diskussionen unnötig finden. Und natürlich fallen auch sexistische Witze. Weil wir eine heterogene Gruppe sind und nicht alle die Feminismus-Schule besucht haben. Das sie aber nur diese Meinungen abgedruckt haben, ist sehr einseitig und vermittelt einen völlig falschen Eindruck. Sie würden doch auch nicht ernsthaft empfehlen, dass man sich über Feminismus informiert, indem man Kommentare unter feministischen Blogeinträgen liest? Eben. Ungehobelte Menschen gibt es nämlich überall im Internet. Wir halten es für das Beste, sie gar nicht zu beachten.

Die Menschen, die sich besonders intensiv mit dem Frauen-Thema befassen, haben sich zum „Kegelklub“ zusammengeschlossen. Das ist eine heterogene Gruppe. Die meisten würden Sie als Frauen bezeichnen. Manche nennen sich Pirat, andere Piratin und manche Feministin und andere nicht. Und wir arbeiten alle zusammen, diskutieren, analysieren und sind nicht immer einer Meinung. Das gehört so, denn wir sind eine demokratische Organisation. Wir verfolgen aber gemeinsam das Ziel, dem Frauen-Thema in der Partei Raum zu geben, um zu verstehen, wo das Problem liegt. Und etwas dagegen zu tun. Kürzlich haben wir eine große Online-Umfrage unter den Parteimitgliedern gestartet, um die Einstellungen zum Thema „Gender“ zu erfassen.

Über all das hätten Sie berichten können. Vor allem hätten Sie mit ein paar Frauen sprechen können – an Auswahl mangelt es nicht. Sie hätten etwas gegen das Problem tun können, dass bei uns aktive Frauen mit den Medien haben. Schon nach der Berlin-Wahl fiel uns auf, dass zwar alle Medien über die nur eine Frau im Abgeordnetenhaus berichteten, aber keine Interview-Anfragen an Frauen zu diesem Thema eingingen. Und es geht noch weiter. Marina Weisband hat darüber kürzlich in ihrem Blog berichtet. Nachdem sie bei der Bundes-Pressekonferenz von den Medien „entdeckt“ wurde, kriegt sie zwar inzwischen zahlreiche Interview-Anfragen. Man spricht mit ihr aber nicht über Politik sondern nur über ihr Aussehen, ihre Kleidung etc. Das ist ein Skandal! Hier brauchen wir Medien, die uns Frauen in der Piratenpartei unterstützen! Wir fühlen uns nicht ernst genommen, wenn immer nur über uns (bzw. unsere „Nicht-Existenz“) und nie mit uns über unser politisches Engagement gesprochen wird! Stattdessen machen sie sich über einen Tweet von Marina Weisband lustig, in dem sie sich über Unterleibsschmerzen beklagt. Um den zu verstehen, empfehle ich Ihnen abermals Marinas Blog. Darin erklärt sie, wie sie versucht, ein richtiger Mensch und gleichzeitig Politiker zu sein. Richtige Frauen haben Unterleibsschmerzen. Ich mag Marina gerade deshalb. Weil sie nicht in dunklen Hosenanzügen herumläuft und Politiker-Floskeln von sich gibt.

Über so vieles in Ihrem Artikel möchte ich mich noch empören. Zum Beispiel die Unterstellung, dass Männern Beleidigung, Belästigung und Gewalt Spaß machen. Mit solchen sexistischen Äußerungen erreichen wir sicher ein besseres Miteinander der Geschlechter! Es ist auch eine Unverschämtheit, wenn Sie intensiven Internetnutzern (anscheinend nur Männer) besonders negative Eigentschaften unterstellen und annehmen, dass die Piratenpartei einen Querschnitt dieser Gruppe darstellt.

Sie werden verstehen, dass die feminstische Arbeit bei den Piraten zuweilen frustrierend ist, wenn einem die Medien und selbst die EMMA in den Rücken fallen. Auf differenzierte Darstellungen in der Presse warten wir also weiter vergeblich. Schade!

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