Liebe EMMA!

Liebe Frau Kämper, liebe EMMA-Redaktion,

danke, dass Sie über die Piraten berichtet haben! Das Thema Piratenpartei und Frauen ist lohnend und verdient eine differenzierte öffentliche Diskussion. Bisher ist darüber leider viel Falsches geschrieben worden und das eigentlich Berichtenswerte fiel dabei unter den Tisch. Insbesondere wurden bisher kaum Piratinnen interviewt. Leider bildet Ihr Artikel aber hier keine Ausnahme. Im Gegenteil – ich weiß gar nicht ob ich mich mehr über das Geschimpfe über unsere Männer oder über Totschweigen von uns Frauen ärgern soll. Zu den sachlichen Fehlern im Text hat ein anderer Pirat bereits in seinem Blog Stellung bezogen, dem kann ich mich nur anschließen. Ich habe aber noch einiges hinzuzufügen.

Zunächst möchte ich voranstellen, dass ich seit eineinhalb Jahren Parteimitglied bin, auf drei Bundesparteitagen, zahlreichen Stammtischen, Parteiveranstaltungen und Partys war und über 2000 Personen auf Twitter folge – ein erheblicher Anteil davon dürften Piraten sein. Ich glaube also, dass ich mitbekommen haben müsste, wenn die Piratenpartei ein frauenfeindlicher Haufen wäre.

Eine Äußerung wie die des von Ihnen zitierten anonymen „Piraten-Fans“ ist mir noch nicht untergekommen. Der Artikel suggeriert aber, es würde sich um die heimliche Mehrheitsmeinung der Männer in der Partei handeln. Wenn dem so ist, verbergen sie es äußerst geschickt. Die allermeisten bei den Piraten aktiven Frauen fühlen sich nämlich willkommen und arbeiten gerne mit.

Natürlich gibt es zu wenige Frauen bei den Piraten. Und natürlich stört das viele. Deshalb diskutieren wir viel über das Thema und fragen uns, warum Frauen weniger Politik machen als Männer. Vielleicht stimmt ja mit der Politik was nicht? Schließen wir unbewusst Menschen   (vielleicht nicht nur Frauen?) aus? Zahlreiche Blogeinträge, Twitter- und Mumble-Diskussionen sind zu dem Thema entstanden (Mumble ist sowas ähnliches wie Skype. Größere Gruppen können da telefonieren). Die Blogeinträge wären eine gute Lektüre bei der Recherche für Ihren Artikel gewesen! Natürlich gibt es auch Mitglieder, die diese Diskussionen unnötig finden. Und natürlich fallen auch sexistische Witze. Weil wir eine heterogene Gruppe sind und nicht alle die Feminismus-Schule besucht haben. Das sie aber nur diese Meinungen abgedruckt haben, ist sehr einseitig und vermittelt einen völlig falschen Eindruck. Sie würden doch auch nicht ernsthaft empfehlen, dass man sich über Feminismus informiert, indem man Kommentare unter feministischen Blogeinträgen liest? Eben. Ungehobelte Menschen gibt es nämlich überall im Internet. Wir halten es für das Beste, sie gar nicht zu beachten.

Die Menschen, die sich besonders intensiv mit dem Frauen-Thema befassen, haben sich zum „Kegelklub“ zusammengeschlossen. Das ist eine heterogene Gruppe. Die meisten würden Sie als Frauen bezeichnen. Manche nennen sich Pirat, andere Piratin und manche Feministin und andere nicht. Und wir arbeiten alle zusammen, diskutieren, analysieren und sind nicht immer einer Meinung. Das gehört so, denn wir sind eine demokratische Organisation. Wir verfolgen aber gemeinsam das Ziel, dem Frauen-Thema in der Partei Raum zu geben, um zu verstehen, wo das Problem liegt. Und etwas dagegen zu tun. Kürzlich haben wir eine große Online-Umfrage unter den Parteimitgliedern gestartet, um die Einstellungen zum Thema „Gender“ zu erfassen.

Über all das hätten Sie berichten können. Vor allem hätten Sie mit ein paar Frauen sprechen können – an Auswahl mangelt es nicht. Sie hätten etwas gegen das Problem tun können, dass bei uns aktive Frauen mit den Medien haben. Schon nach der Berlin-Wahl fiel uns auf, dass zwar alle Medien über die nur eine Frau im Abgeordnetenhaus berichteten, aber keine Interview-Anfragen an Frauen zu diesem Thema eingingen. Und es geht noch weiter. Marina Weisband hat darüber kürzlich in ihrem Blog berichtet. Nachdem sie bei der Bundes-Pressekonferenz von den Medien „entdeckt“ wurde, kriegt sie zwar inzwischen zahlreiche Interview-Anfragen. Man spricht mit ihr aber nicht über Politik sondern nur über ihr Aussehen, ihre Kleidung etc. Das ist ein Skandal! Hier brauchen wir Medien, die uns Frauen in der Piratenpartei unterstützen! Wir fühlen uns nicht ernst genommen, wenn immer nur über uns (bzw. unsere „Nicht-Existenz“) und nie mit uns über unser politisches Engagement gesprochen wird! Stattdessen machen sie sich über einen Tweet von Marina Weisband lustig, in dem sie sich über Unterleibsschmerzen beklagt. Um den zu verstehen, empfehle ich Ihnen abermals Marinas Blog. Darin erklärt sie, wie sie versucht, ein richtiger Mensch und gleichzeitig Politiker zu sein. Richtige Frauen haben Unterleibsschmerzen. Ich mag Marina gerade deshalb. Weil sie nicht in dunklen Hosenanzügen herumläuft und Politiker-Floskeln von sich gibt.

Über so vieles in Ihrem Artikel möchte ich mich noch empören. Zum Beispiel die Unterstellung, dass Männern Beleidigung, Belästigung und Gewalt Spaß machen. Mit solchen sexistischen Äußerungen erreichen wir sicher ein besseres Miteinander der Geschlechter! Es ist auch eine Unverschämtheit, wenn Sie intensiven Internetnutzern (anscheinend nur Männer) besonders negative Eigentschaften unterstellen und annehmen, dass die Piratenpartei einen Querschnitt dieser Gruppe darstellt.

Sie werden verstehen, dass die feminstische Arbeit bei den Piraten zuweilen frustrierend ist, wenn einem die Medien und selbst die EMMA in den Rücken fallen. Auf differenzierte Darstellungen in der Presse warten wir also weiter vergeblich. Schade!

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Gendergedöns Teil 2 oder die Öffnung der Piratenpartei

Warum wollen so viele Frauen keine Piraten sein? In der letzten Zeit wurde darüber viel spekuliert und ich habe in meinem letzten Beitrag angekündigt, das zusammenzutragen. Warum wir einen höheren Frauenanteil für notwendig halten, haben ich und Arte Povera ausführlich begründet. Den Bereich der Sozialisation hat Arte Povera schon so gut erläutert, dass ich das jetzt nicht so sehr ausführe. Ich konzentriere mich besonders auf die Aspekte von denen ich glaube, dass wir konkret etwas daran ändern können. Euch möchte ich bitte, in den Kommentaren zu ergänzen, falls euch noch Zugangsbarrieren oder mögliche Gegenmaßnahmen einfallen. Ich hoffe, dass dann ein paar davon umgesetzt werden, in Richtung einer generellen „Öffnung der Piratenpartei“, nicht nur auf Frauen bezogen. Ich nenne Frauen als Beispiel, da ich den geringen Frauenanteil für ein besonderes Problem halte. Trotzdem beziehe ich mich ausdrücklich auch auf andere Menschen, die von uns aktuell abgeschreckt werden.

 

  • Insiderwitze: Manche Leute fühlen sich ausgeschlossen, weil sie uns einfach nicht verstehen. Dieser Faktor ist nicht zu unterschätzen. Wenn man schon auf den ersten Blick das Gefühl hat, eh nicht zu verstehen, was da abgeht, kommt man gar nicht so weit, sich mit den inhaltlichen Forderungen zu befassen. Ich würde mich in der Mittagspause auch nicht unbedingt zu ein paar Mathematikern an den Tisch setzen, da ich erwarten müsste, kein Wort zu verstehen. Ganz bestimmt hätte ich nicht den Eindruck, dass sie wünschen, dass ich bei ihnen „mitmache“ (Stichwort Mitmach-Partei). Um das klarzustellen: Natürlich möchte ich euch nicht dazu auffordern, unseren Humor aussterben zu lassen! Es sollen nur mehr Leute daran teilhaben können! Was tun? Im persönlichen Kontakt hilft dagegen sicherlich, ab und zu einen Witz oder eine Anspielung zu erklären. An Infoständen könnte ein Flyer „Piraten verstehen für Anfänger“ hilfreich sein. Mehrere Leute haben sich schon zur Mitarbeit bereit erklärt. Demnächst werde ich anfangen, in einem Pad Ideen zu sammeln. Interessierte können sich in den Kommentaren melden, bevorzugt mit Twitter-Kontaktdaten. Langfristig fände ich es gut, einen solchen Bereich auch auf der Homepage einzubauen. Wie Fritz richtig sagte, helfen natürlich auch Aktionen, andere Gruppen zu erreichen, z.B. Liederbuch-Aktion und das Volksbegehren gegen Studiengebühren in Bayern.
  • Schüchterne Menschen wollen sich vielleicht erst einmal unauffällig unter eine Gruppe mischen, ohne selber besonders aufzufallen. Als Frau fällt man aber bei den Piraten automatisch eher auf. Wenn wir erstmal mehr Frauen sind, wird sich das von selber ändern. Vorher kann man dagegen sicherlich nur etwas tun, indem man interessierte Frauen persönlich anspricht und ermutigt, sich das alles einmal in Ruhe anzuschauen.
  • Ruhigere Menschen kommen weniger zu Wort. Das liegt an der Gesprächskultur. Man muss manchmal ziemlich energisch auf sich aufmerksam machen, weil wenige dominante Menschen die Debatten dominieren. Ruhigere Menschen gehen mit ihren Ideen und Gedanken dabei unter. Eine ältere Piratin berichtete mir, dass gelegentlich jüngere Frauen bei den Stammtischen auftauchen, aber nach kurzer Zeit wieder wegbleiben, weil sie gar nicht zu Wort kommen. Dagegen könnte helfen, ruhigere Menschen ab und zu gezielt nach ihrer Meinung zu fragen und Menschen mit höheren Redeanteilen ab und zu darauf hinzuweisen, sich zurückzunehmen. Der nächste Punkt hängt mit diesem unmittelbar zusammen.
  • Trolle und Schreihälse: Leider werden besonnene und vernünftige Menschen bei den Priaten in Diskussionen auf Mailinglisten und Twitter manchmal so lange genervt, bis sie Ruhe geben. Einige scheinen der Meinung zu sein, eine Diskussion gewonnen zu haben, wenn das Gegenüber nichts mehr sagt. Das führt nicht dazu, dass die besseren Argumente gewinnen und das die kompetentesten Menschen gewählt werden. Dazu eine Geschichte aus einem Blog, leider finde ich den Link nicht mehr. An einer Schule bestand der Mathe-Leistungskurs fast immer nur aus männlichen Schülern. Der Test, um an dem Kurs teilzunehmen, war freiwillig. Irgendwann kam die Schule darauf, den Test für den ganzen Jahrgang zur Pflicht zu machen. Die Schülerinnen waren gleich gut und in der Folge war der Kurs immer mindestens zur Hälfte mit Schülerinnen besetzt (wer den Link hat: her damit!). Was ich damit sagen will: Wir müssen die Potentiale der Mitglieder finden und nutzen. Es sind nicht automatisch die am besten, die meisten von sich überzeugt sind. Ein ausgezeichnetes Instrument gegen Trolle und für qualitätvolle Arbeit ist aus meiner Sicht Liquid Feedback. Sinnlose Anträge schaffen dort das Quorum einfach nicht. Sinnlose Änderungsvorschläge muss man nicht berücksichtigen. Aus den Mehrheitsverhältnissen sieht man, dass meist die „schweigende Mehrheit“ recht vernünftig ist und nicht hinter den lauten Trollen steht. Deshalb ist es aus meiner Sicht dringend geboten, sich um eine Verbesserung und vermehrte Nutzung von LQFB zu bemühen (LQFB war übrigens für mich der Grund, Piratin zu werden).
  • Technische Zugangsbarrieren: Für manche Menschen ist ein Computer immer noch tendenziell bedrohlich. Sie empfinden es z.B. als Zumutung, täglich ihre Mails checken zu sollen, tippen langsam und sind nicht bereit, eine Diskussion in schriftlicher Form zu führen. Was tun? Dagegen hilft zum Einen, diesen Menschen Hilfe anzubieten, wenn sie in dem Bereich mehr lernen wollen. Zum Anderen sollten auch andere Möglichkeiten gut kommuniziert werden, z.B. RL-Treffen und Telefonnummern von Ansprechpartnern. Auch Medienkontakt, Straßenwahlkampf und Präsenz auf Veranstaltungen sind nicht zu unterschätzen, wie sich jüngst in Berlin wieder gezeigt hat. Kürzlich hatte ich einen sehr netten Kontakt zu einer aktiven Piratin, die nicht Twitter nutzt und sich über viele parteiinterne Angelegenheiten durch ihren Mann informieren lässt. Da nicht alle potentiellen Interessenten mit Piraten verheiratet sind, müssen wir also besonders aufmerksam mit nicht so internetaffinen Piraten und Interessenten umgehen.
  • Die Medien allgemein: Die Medien sind ein Problem. In fast jeder Einleitung zu einem Artikel über die Piraten steht, dass wir ein freies Internet fordern. Diese Festlegung auf das Hauptthema verhindert, dass Leser, die sich nicht als internetaffin betrachten, weiterlesen. Selten wird auch adäquat dargestellt, welche Gedanken von Freiheit und Bürgerrechten hinter unserer Forderung von einem freien Internet stehen. Dadurch merken viele Leser gar nicht, dass sie sich vielleicht doch mit unseren Forderungen identifizieren können.
  • Die Medien in Bezug auf Frauen bei den Piraten: Bereits in meinem letzten Artikel hatte ich dargestellt, dass es hilfreich wäre, wenn die Medien den geringen Frauenanteil nicht als Frauenfeindlichkeit der Piraten interpretieren würden, sondern aktive Frauen mal fragen würden und berichten, dass diese keine Benachteiligung erfahren und gerne mitarbeiten.
  • Vermitteltes Frauenbild: Da es nur wenige Frauen gibt, kann es auch vorkommen, dass sie abschreckend wirken, wenn eine interessierte Frau sich nicht mit den Frauen an ihrem lokalen Stammtisch identifizieren kann (s. dazu z.B. diesen Blogeintrag). In Wahrheit ist die Gruppe der Frauen in der Partei sehr heterogen. Manche sind sehr „nerdig“, andere sehr „weiblich“ und ihre Meinung zu Genderthemen deckt wahrscheinlich die ganze Palette von möglichen Meinungen zu diesem Thema ab. Es ist nicht möglich aus Sicht „der Frauen“ bei den Piraten zu sprechen. Aber es ist wichtig, allen zu zeigen, dass sie willkommen sind und bei uns nicht in Schubladen gesteckt werden!

Fazit: Piraten als Mitmach-Partei positionieren! Insgesamt wird für mich aus den aufgezählten Punkten immer deutlicher, dass wir uns stärker als Mitmach-Partei positionieren müssen. Den Wählern und potentiellen Mitgliedern zeigen, dass alle sich einbringen können und wir gerne unterschiedliche Menschen in unseren Reihen haben. Dazu könnte beitragen, kleine Mitmach-Aktionen an Infoständen zu machen, z.B. Umfragen zu aktuellen Themen. Also nicht: Wir sind eine Partei und wollen euch von unserer Meinung überzeugen, sondern: Wir sind eine Partei und uns interessiert, wie ihr die Probleme in diesem Land seht und was ihr für Lösungsideen habt. Ihr könnt übrigens auch selber mitmachen!

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Im Schwarm die Welt nachhaltiger machen!

Bei der Semnos Summer Week im Juni 2011 in Augsburg trafen sich Mitglieder verschiedener Organisationen, um gemeinsam an Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung zu arbeiten. Referenten und Teilnehmer berichten in diesem Podcast von ihren Ideen, Projekten und Eindrücken von der Veranstaltung. Unter anderem sind Richard Wilkinson und Frithjof Bergmann zu hören.

 

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Links zu den vorgestellten Organisationen und Projekten:

 

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Ich will aber!

Disclaimer: Ich behaupte NICHT, dass irgendein biologisch männlicher Pirat biologisch weibliche Piraten in irgendeiner Weise benachteiligt oder dass Frauen innerhalb der Piratenpartei schlechte Chancen auf Ämter oder Ähnliches haben!
Disclaimer 2: Ich bin kein Fan von Alice Schwarzer oder von der Quote der Grünen. Eure Argumente dagegen könnt ihr also gleich wieder einpacken und erstmal lesen, warum ich TROTZDEM über das Gender-Gedöns reden will.

Das fasse ich mal ganz kurz zusammen:
1) Es gibt wenige Frauen in der Piratenpartei.
2) Ich will wissen, warum das so ist.
3) Ich will, dass wir gemeinsam versuchen, das zu ändern. Aus Gründen.
4) Danach bekämpfen wir Benachteiligung, Diskriminierung und Sexismus in der Gesellschaft.

Und jetzt muss ich ein bisschen schreien: ICH BEHAUPTE DOCH NICHT, DASS IHR SCHULD SEID, ICH WILL NUR, DASS IHR WAS DAGEGEN MACHT! DAS IST WICHTIG!

Frauen sind nicht die besseren Menschen und nicht klüger als Männer. Aus naheliegenden Gründen haben sich bisher überwiegend Frauen mit der Benachteiligung von Frauen befasst. Dabei wurde viel Kluges, Dummes, Lustiges, Pauschales, Differenziertes, Unfaires und Weises gesagt. DESHALB HÖRT BITTE VERDAMMT NOCHMAL AUF, JEDE FRAU, DIE SICH DAZU ÄUẞERT IN DIE SCHWARZER/GRÜNE/DOGMATISMUS-SCHUBLADE ZU STECKEN! HÖRT ZU, DENKT SELBER, BILDET EUCH EINE MEINUNG UND DISKUTIERT MIT!
DANKE!

Langversion:
Auch mich hat wütend gemacht, dass die Medien sich nach dem Wahlerfolg in Berlin an 14:1 aufgehängt haben und sich nicht damit auseinandergesetzt haben, was Frauen in der Partei tun und sagen (dazu hier der Kegelklub). Hätten sie recherchiert und dann geschrieben, dass wir Frauen es bei den Piraten ziemlich super finden und es eventuell manchmal sogar etwas leichter haben als Männer, wären vielleicht ein paar mehr Frauen beigetreten. Aber ein paar mehr Frauen reichen nicht. Aus Gründen. Ich weiß, dass jetzt viele Piraten aufschreien. Freiheit, Freiwilligkeit, jede die will kann doch mitmachen und wenn zufällig kaum Piraten Brüste haben, ist das doch auch ok! Brüste sind nun relativ offensichtlich, aber natürlich trifft das auch auf andere gesellschaftliche Gruppen zu. Es ist eine Binsenweisheit, dass die die „Mitmach-Partei“ mehrheitlich aus einer ziemlich homogenen Gruppe besteht (Penis, eher gebildet, mitteljung, irgendwas mit Internet). Klar, gibt es AUCH Frauen, Rentner und vielleicht sogar ein paar Mitglieder ohne Internet – wer weiß? Aber die Mehrheit ist eine andere. Und da kommt bei mir die kognitive Dissonanz. Mitmach-Partei, Basisdemokratie, Beteiligung. Einzug ins erste Landesparlament, steigende Umfragewerte. Der Anspruch, die Gesellschaft besser zu machen. Und alle können doch mitmachen! Genauso wie alle Kinder ja aufs Gymnasium können, wenn sie sich nur anstrengen (Dieser Irrtum ist in der Bildungssoziologie eigentlich längst beseitigt. Und seit PISA wissen sogar die Mainstream-Medien, dass schlechte Bildungschancen sozial vererbt werden). Da passt was nicht zusammen. Das Denken, dass alle mitmachen können, wenn man es anbietet, ist überholt (Soziologie ist übrigens ein spannendes Studienfach).

Wir haben wunderbare Ideale entwickelt, ein eigenes Denken, eine eigene Kultur. Wir haben gesehen, dass diese bedroht wird. Deshalb haben wir (ok, am Anfang war ich noch nicht dabei, aber so klingt es besser) eine Partei gegründet. Um unsere Interessen zu vertreten. Wir haben auch begriffen, dass unsere Ideale nicht nur das Internet betreffen und den Anspruch entwickelt, auch andere Gesellschaftsbereiche zu verändern. Wir sind sogar gegen soziale Benachteiligung. Aber wir sehen nicht, dass unsere Kultur auch Menschen ausschließt. Dass wir alle dieselbe Brille aufhaben und einen großen Teil der Gesellschaft und ihrer Probleme überhaupt nicht wahrnehmen. Und dass ein Großteil der Menschen uns nicht wahrnehmen, weil sie unsere Kultur nicht begreifen. Menschen, deren Probleme wir lösen wollen. Ganz schön überheblich.
Wir müssen es probieren! Wir müssen intern testen, ob unsere Kultur auch in einer heterogeneren Gruppe funktioniert. Mit mehr Nicht-Nerds. Wir können doch nicht schon vor Beginn aufgeben! Aufgeben wie die anderen Parteien, die sich entweder damit abgefunden haben, dass Politik fast nur von privilegierten weißen Männern gemacht wird oder die eine Quote haben, um das zu steuern. Ich will, dass wir so cool werden, dass Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen mitmachen wollen! Ich will, dass wir zuhören und Probleme der Menschen erkennen. Mit unserer Nerd-Brille neue Sichtweisen und Lösungen finden. Dass dann neue Menschen zu uns kommen, auch solche, die nicht im Internet wohnen. Und auch, dass etwa die Hälfte von uns Frauen sind (ich höre die Aufschreie). Weil über die Hälfte der Menschen in diesem Land Frauen sind und weil alle Menschen von einer besseren Welt träumen.

Meint ihr es ernst mit dem Welt verändern oder wollt ihr nur euer Biotop retten?

Ich bitte um eure Biotop-Exit-Strategien in den Kommentaren. Nächste Woche kommt meine Sammlung von Gründen, warum so wenige Frauen in der Piratenpartei sind.

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“Sie hat Piratin gesagt!”

Julia Schramm (@laprintemps) und ich haben uns zusammengesetzt und bei Weißweinschorle im Park über Piratenfeminismus sinniert. Sebastian Westermayer (@Fasel) und Benjamin Stöcker (@einfachBen) kamen auch zu Wort und schließlich beehrte uns noch maha (@martinhaase) mit einem Schlusswort.

 

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Für die Hintergrundgeräusche möchte ich entschuldigen und die Ehre für die technische Umsetzung gebührt Ben!

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Was Bildung ist und wie Kinder die Welt retten

Dies ist der Podcast zu meinem kürzlichen Blogeintrag für ThinkCamp über die Kinder von Plant-for-the-Planet. Obwohl ich die Kinder seit Beginn der Initiative kenne, haben mich die Interviews mal wieder tief beeindruckt. Zurück blieb der Gedanke: So kann Bildung gelingen!

 

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Die Sache mit dem Deutschkurs

Das ist die zweite Geschichte über Dade und Babo, die Eltern der Heldin und der Prinzessin.

Anfangs war er der Sprecher. Sie rief ihn zum Übersetzen. Er war stolz, einen Deutschkurs besucht zu haben. Er konnte seinen Namen in Druckbuchstaben schreiben und die Namen der übrigen Familienmitglieder im Adressfeld von Briefen identifizieren. Beide haben in ihrer Heimat nur die fünfjährige Grundschule besucht. Dort lernten sie Arabisch zu sprechen, lesen und schreiben. Für ihre Muttersprache Kurdisch kennen sie keine Buchstaben (unsere lateinischen Buchstaben waren ihnen natürlich auch fremd). Es dauerte einige Zeit, bis ich Tragweite dieser Sachverhalte ansatzweise begriffen hatte. Mich in meiner Muttersprache nicht schriftlich ausdrücken können. Keine Lese- und Buchkultur zu haben. Nur wenig schreiben, hauptsächlich Telefonnummern und Notizen, in ungelenker Schrift einer fremden Sprache. Das ist kein Zufall. Es ist nicht nur die Benachteiligung von Kurden in ihren Heimatländern mit einem sowieso niedrigen Bildungsstandard. Es ist auch die jesidische Kultur, eine Minderheit unter den Kurden, die ohnehin schon Minderheit sind. Eine kleine Gruppe, die extrem eng zusammenhält. Die sich seit Jahrhunderten stark von der arabischen Mehrheitsgesellschaft abgrenzt. Unter anderem indem sie ihren Kindern bewusst den Schulbesuch verweigerte, um sie nicht dem arabischen Einfluss auszusetzen. Eine hohe Wertschätzung für formale Bildung ist in dieser Kultur also nicht tief verankert. Dades und Babos Erfahrungen beschränken sich auf eine durch eine fremde Macht aufgezwungene Schule, in der sie eine fremde Sprache lernten. Dennoch wissen sie, dass es hier anders ist, dass ihre Kinder dringend Schulbildung benötigen. Sich vorzustellen, dass dort aber sehr viel mehr passiert, als Lesen und Schreiben lernen, übersteigt trotzdem ihr Vorstellungsvermögen. Dass die Jungen die Hausaufgaben in der Nachmittagsbetreuung machen, ist einerseits ein Segen. Andererseits entwickeln die Eltern so kaum mehr Verständnis für diese fremde Welt.
So habe ich unzählige Male Buntstifte, Malbücher, Blöcke an die kleinen Mädchen verschenkt. Jedes Mal war es nach kurzer Zeit verschwunden. Bis heute bin ich nicht dahinter gekommen, ob Dade solches Spielzeug sofort wegwirft oder in entlegene Schränke verfrachtet, wenn die Kinder das Interesse verlieren. Oder ob sieben Kinder es tatsächlich in kürzester Zeit zerstören.
Dade beteuerte oft, besser Deutsch lernen zu wollen. Ich rief bei der Volkshochschule an und die Kursleiterin lud uns zu einem Schnupperbesuch für den gerade beginnenden Alphabetisierungskurs ein. Den nahm Dade aber gar nicht erst wahr, weil der Kurs keine Kinderbetreuung hatte. Die Prinzessin war erst ein halbes Jahr alt. So einigten wir uns eines Tages, dass ich ihre Lehrerin sein sollte. Wir fingen mit dem Erkennen und schreiben einzelner Buchstaben an, nicht mehr als 5 oder 6. Die konnte sie schließlich auf Lebensmittelverpackungen wiedererkennen und auch selber schreiben. Worte aus den bekannten Buchstaben konnte sie buchstabieren aber die Buchstaben nicht zum Wort zusammenfügen. Ich kaufte ein Alphabetisierungsbuch für Erwachsene. Sie war eifrig dabei, Buchstaben abzuschreiben, aber eher abgeneigt darüber nachzudenken und zu sprechen. So weit waren wir, als ich die Stadt für ein halbes Jahr verließ. Als ich zurückkam, war ich freudig überrascht, dass die mühsam erzielten Erfolge geblieben waren: Sie erinnerte sich an die bekannten Buchstaben. Wir setzten unser Projekt fort. Geplant war zweimal pro Woche. Aber oft genug wurde es ihr zu viel. Körperlich ist sie immer am Limit, ständig bei verschiedenen Ärzten. Hinzu kommen Arzttermine mit den Kindern und natürlich der normale Wahnsinn eines 9-Personen-Haushaltes. Die vereinbarten Lerntermine konnten also nicht wirklich regelmäßig eingehalten werden. Langsam aber sicher zeigten sich über die Monate dennoch Fortschritte. Immer häufiger gelang es ihr, Buchstaben zu Worten zusammenzuziehen. Und zum ersten Mal kaufte sie den Mädchen selber Buntstifte und passte auf, dass sie nicht verloren gingen!
Mit der Zeit rückte der dritte Geburtstag der kleinen Prinzessin näher und eine große Sorge von Dade wuchs ins Unermessliche. Würde das Arbeitsamt sie zu einem Integrationskurs verpflichten, wenn das jüngste Kind im Kindergarten war? Sie hatte schreckliche Angst vor einer „Schule“. Sie befürchtete strenge Lehrkräfte und Mitschüler, die sie auslachen würden. Sie würde den Anforderungen nicht gerecht werden. Außerdem würde sie zu dem Kurs mit dem Bus durch die ganze Stadt fahren müssen und er würde jeden Vormittag stattfinden. Sie wusste nicht, wie sie ihren Haushalt dann noch schaffen sollte. Mir machte insbesondere Sorgen, dass sie körperlich ständig an ihre Grenzen kam, fast immer unter Kopf- und/oder Rückenschmerzen litt. Ich informierte mich über Sprachkurse und fand ein Projekt in unserem Stadtteil. Ein Alphabetisierungskurs nur für Frauen, mit Kinderbetreuung und kostenlos. Es kostete mich einige Überzeugungsarbeit sie zu einer Besichtigung zu motivieren. Nach diesem Besuch war zumindest das Gespenst „Deutschkurs“ weniger bedrohlich. Aber es war kein anerkannter Integrationskurs, nur ein zweimal wöchentlich stattfindender Deutschkurs. Also blieb die Angst vor dem Arbeitsamt. Nach dem Kindergarteneintritt der Kleinen wurde die Angst wieder größer und ich versuchte erneut die Flucht nach vor. In einem Gespräch beim Arbeitsamt konnten wir den Sachbearbeiter schnell überzeugen, dass der Besuch des Projekts genau das Richtige für Dade war und ein Integrationskurs sie überfordern würde.
Seitdem geht sie mehr oder weniger regelmäßig zu dem Kurs. Ihre Gesundheit oder Arzttermine machen ihr immer noch oft einen Strich durch die Rechnung. Und einmal ging sie nicht, aus Angst vor einem Test. Obwohl der Kurs selbst wegen des niedrigen Niveaus und der unregelmäßigen Teilnahme sie wohl nur wenig weitergebracht hat: Sie erzählt mit strahlenden Augen, von einem Lob der Lehrerin. Sie ist die beste im Kurs! Schule ist nicht mehr böse. Das war es wert, auch wenn Lesen und Schreiben immer noch nicht ihre Kernkompetenzen sind! Viel mehr beeindruckt mich auch, wie viel sie in den fünf Jahren, die ich sie kenne, zu verstehen und sprachlich auszudrücken gelernt hat. Die Erzieherinnen im Kindergarten und die Ärzte loben ihr Deutsch und ihr gewachsenes Selbstbewusstsein. Sie begleitet jetzt andere Frauen zu Terminen um zu dolmetschen. Und ihr Mann ruft sie zur Hilfe, wenn er mich nicht versteht.

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Fahrräder gucken in Münster

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Kleingarten

KeimlingeKeimgerätMir fallen nicht viele kluge Worte dazu ein, außer dass es Spaß macht, gut schmeckt und schnell geht (ca. 4-5 Tage) und manche Sorten viel mehr Vitamine enthalten als Orangen. Und es ist einfach schön, auch im Winter und in der Wohnung was wachsen zu sehen!

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Dade und Babo

Dieser Text handelt von den Eltern der Heldin, die mich längst in ihre Familie aufgenommen haben. Ich nenne sie hier einfach „Dade“ und „Babo“, was auf Kurdisch Mama und Papa bedeutet.

„Komm oben, frühstücken,“ sagt Dade. Ich war schon halb wach, als sie klingelte, ziehe mir schnell eine Jogginghose über und folge ihr. Babo sitzt in der Ecke der Bank, die Beine in der langen, orientalisch anmutenden Baumwollunterhose lang ausgestreckt. Er telefoniert, das Telefon auf Lautsprecher gestellt, hält es ein Stück von seinem Gesicht entfernt und brüllt hinein, als müsste er die Entfernung zur irakischen Heimat ohne technische Hilfe überbrücken. Dade stellt mir still ein Glas schwarzen Tee hin und schiebt die große Zuckerschale herüber. Draußen peitscht der Regen gegen die Fensterscheibe. Die morgendliche Stille der Wohnung ohne die Heldin, die Prinzessin und ihre fünf Brüder und ohne Besuch von Verwandten erscheint mir unwirklich. Dade setzt sich hin und lauscht aufmerksam dem Telefonat. Ich mache mich über meine drei Spiegeleier her. Mit dem dünnen Fladenbrot trenne ich immer ein Stück Ei ab, wickele es ein und stecke es in den Mund. Besteck braucht man für diese Art zu Essen nicht. Honig, Joghurt, selber eingelegter Schafskäse und gebratenes Aubergingenmus: Ein typisches Frühstück bei Dade.

Das Telefonat ist beendet. Er wendet sich mir zu: „Wie geht’s?“ – „Gut. Und dir?“ – „Auch gut.“ Es folgt die obligatorische Frage auf Kurdisch: „Bist du meine Tochter?“ Ich bejahe. Das ist unser übliches Gespräch, für viel mehr reichen die wechselseitigen Sprachkenntnisse und die gemeinsamen Interessen nicht. Er erhebt sich von der Eckbank, seine Spiegeleier hat er kaum angerührt. Es gehört dazu, den Teller halbvoll stehen zu lassen. Schon beim ersten Befüllen muss er so überquellen, dass du ihn gar nicht leer kriegen kannst. Sonst haben dir die Gastgeber nicht genug zu Essen gegeben, das wäre eine unermessliche Katastrophe! Zum Glück verstehen uns Dade und ich inzwischen in dieser Hinsicht. Sie akzeptiert, wenn ich nur wenig auf den Teller will und es dann leer esse. „Schwiegermutter tot“ sagt sie dann. Eine Redensart besagt, dass unanständige Mädchen, die ihren Teller völlig leer essen, damit den Kopf ihrer Schwiegermutter verspeisen. Sie findet das gar nicht so schlecht. Nichts wünscht sie mir weniger als eine nervige Schwiegermutter. Wir sind also zu der informellen Übereinkunft gekommen, dass Teller-leer-essen ok ist, genau wie Kleine-Portionen-austeilen. Und ich habe notgedrungen auch gelernt, doch mal die Hälfte stehen zu lassen, wenn sie mir zu viel gegeben hat.

Babo kommt zurück, mit aktuellen Briefen vom Arbeitsamt und der Krankenkasse. Ich rufe dort an, weil selbst ich sie nicht verstehe und fülle anschließend die Formulare aus. Dade schenkt Tee nach. Nach dem Essen muss man noch ein Glas von dem schwarzen Tee mit viel Zucker trinken, sonst ist man ein schlechter Gast. Es dauerte einige Zeit, bis ich das herausgefunden hatte: Dass der Protest beim Verlassen der Wohnung deutlich geringer ist, wenn ich den Tee noch abgewartet habe.

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